Zeitungsartikel AZ/AN: Baumängel mit einer App rechtzeitig finden

Baumängel mit einer App rechtzeitig finden

Mangelnde Qualität führt beim Hausbau häufig zu höheren Kosten.
Die Aachener n.core build gmbh will das Problem technisch angehen.


VON ANJA NOLTE
AACHEN  „Auf  der  Baustelle  erhalten wir objektive Daten zu Kosten und Terminen, aber nicht zur Qualität“,  sagt  Josef  Kox,  Geschäftsführer der neu gegründeten n.core build gmbh. 15 Jahre lang war der Bauingenieur in der Unternehmensgruppe nesseler grünzig tätig – zunächst als Auszubildender zum Beton- und Stahlbetonbauer, nach seinem Studium als Bauleiter, später als Leiter Qualitätsmanagement. Das Problem sei hier früh erkannt worden: Bereits 2010 habe es Versuche gegeben, eine Software zu entwickeln, die eine Qualitätsprüfung systematisch vornimmt. „Mangelnde Qualität führt auf dem Bau oft zu aufwendigen  Konflikten  an  vielen Fronten – mit viel Stress, Ärger und hohen Kostenrisiken”, erklärt  Kox.

Die Plattform „n.core“ soll das ändern: in der Webanwendung und der zugehörigen mobilen App werden Maßnahmen zur Vermeidung und frühzeitigen Entdeckung von Mängeln geplant, durchgeführt und dokumentiert – und zwar vor Ort, auf der Baustelle. Seit rund fünf Jahren ist die Software bei der nesseler grünzig gruppe im Einsatz und eine „Voraussetzung für jedes Projekt“.
Das Ergebnis: 34 Prozent weniger Gewährleistungsmängel,  56 Prozent weniger Abnahmemängel.

„Wir  haben  unseren  Umsatz in den vergangenen Jahren verdoppelt, da müsste man davon ausgehen, dass wir auch doppelt so viele Reklamationen haben. Das Gegenteil ist aber der Fall“, führt Kox aus. Bei den Garantiekosten – das sind die Kosten für Fehler, die beim Unternehmen hängenbleiben – sehe es ähnlich aus: sie konnten um 48 Prozent gesenkt werden. „Und bei den Nachunternehmern sehen wir auch entsprechende Einsparungen.“Dass die Plattform damit auch für andere Unternehmen interessant sei, liege auf der Hand. „Das ist der Grund, warum wir gesagt haben, wir bieten die Software jetzt als Dienstleistung an“, so der n.core-Geschäftsführer.

Bis dahin sei es allerdings ein langer Weg gewesen, räumt er ein. Den Grundstein legte er damals mit seiner Masterarbeit: „Die erste Version der App ist im Büro entstanden – das ist gescheitert, weil der Prozess draußen nicht funktionierte.“ Also sei er raus auf die Baustelle gegangen und habe dort den Prozess entwickelt – mit den Stiefeln im Beton. „Das war der Weg, der funktioniert hat.“ Der Prozess und die dahinterstehenden Arbeitsabläufe seien komplex, sagt der 36-Jährige: „Im Grunde  genommen  haben wir aber nichts Neues erfunden. Wir  haben uns an dem bedient, was es in der stationären Industrie schon gibt:  Am  Anfang steht  die  Risikoanalyse, dann wird der Prüfplan erstellt. “Anders als bei der Serienfertigung in der Industrie seien Baustellen jedoch Unikate: „Wir bauen in der Regel Prototypen“, erklärt er.

Trotzdem gebe es auch hier wiederkehrende Punkte: dieselben Arbeitsschritte in den einzelnen Gewerken  und  dieselben  Dinge,  die schieflaufen können und auf die der Bauleiter achten muss. „Diese Wiederholung haben wir uns zunutze gemacht: Wir erstellen eine Risikoanalyse für die einzelnen Gewerke und stellen daraus projektbezogen immer wieder einen neuen Prüfplan zusammen.“Die einzelnen Prüfbausteine, die verwendet werden, seien jedoch immer gleich."

„Dann wird es richtig teuer“

„Nehmen wir zum Beispiel ein Teilprojekt  vom Tuchmacherviertel  in Brand“, sagt Kox und öffnet die App auf seinem Smartphone: Im Prüfplan „Fenster“ sind dort 14 Prüfbausteine aufgeführt – zum einen Materialien, zum  anderen  Ausführungspunkte. „Wir prüfen hier nichts, was man bei der Abnahme mit dem Kunden noch sehen könnte. Ein Farbfleck an der Wand zum Beispiel ist völlig uninteressant, da stehen keine Kosten hinter.

Aber wenn der Fensteranschluss falsch ist – die Dichtfolie innen oder außen – dann kann es kritisch werden.“ Wenn das in einem Großprojekt nicht korrekt ausgeführt werde, würden die Fenster gleich 2000 Mal falsch eingebaut. „Dann wird es richtig teuer.“ Der Bauleiter sieht im System, welche Prüfungen gemäß Bauzeitenplan anstehen und erhält alle erforderlichen und aktuellen Informationen aus den Normen und Vorschriften direkt  aufs  Smartphone, wenn er auf der Baustelle den Fensteranschluss prüft. Fällt die Prüfung negativ aus, geht automatisch eine juristisch korrekte Mangel-Mail an den Nachunternehmer raus. „Der komplette Prozess samt Kommunikation ist damit digitalisiert“, betont Kox. Das erleichtere nicht nur den Bauleitern die Arbeit – die Bearbeitungszeit von Mängeln konnte um 36 Prozent reduziert werden – sondern sei vor allem aus Unternehmenssicht wichtig: „Unabhängig vom Wissen der Menschen, die dort aktiv sind, hat die Organisation mit der Software ein Wissen, das sie in das Projekt hineinbringt, und ein Werkzeug, das sicherstellt, dass  dieser  Standard  eingehalten wird. Das garantiert einen gleichbleibenden Qualitätsstandard in jedem Projekt.

“Die  meisten  Mängel  entstehen in der Gebäudehülle und der technischen Gebäudeausstattung – das zeige eine einfache Auswertung der Daten. „Demnächst sollen die Daten mit einer künstlichen Intelligenz ausgewertet  werden, um darauf aufbauend  weitere Dienstleistungen für die Bauindustrie zu entwickeln“, lautet die Vision des zehnköpfigen n.core-Teams. Natürlich soll dies wieder möglichst nah am Kunden geschehen,  mit  den  Stiefeln im Beton.

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